Dieses Bild wurde mit KI erstellt.
Die Debatte über KI-Texte in Politik und Journalismus läuft in die falsche Richtung.
Der Tagesspiegel lässt Stephan-Andreas Casdorff vorerst keine publizistischen Aufgaben mehr wahrnehmen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung depubliziert einen Gastbeitrag von Mario Voigt. Das Handelsblatt nimmt einen Beitrag von Digitalminister Karsten Wildberger offline. Der Verdacht: KI hat mitgeschrieben.
Und sofort heißt es: Kann man solche Texte noch ernst nehmen?
Ja, kann man. Wenn der Mensch dahinter weiß, was er sagt. Wenn er geprüft hat, was dort steht. Wenn er dafür einsteht.
Natürlich gibt es echte Probleme. Erfundenen Quellen. Vorgetäuschte Autorschaft. Gedanken, die jemand veröffentlicht, ohne sie verstanden zu haben. Aber das ist nicht das Problem von KI. Das ist das Problem schlechter Arbeit.
Schlechte Texte gab es auch vor ChatGPT. Worthülsen auch. Redenschreiber, Pressestellen, Referenten, Agenturen und Lektorate ebenso. Politik und Journalismus waren nie reine Schreibtischromantik. Wer so tut, als bedrohe erst KI die Echtheit des Wortes, verklärt eine Welt, die es nie gab.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Wir müssen lernen, mit KI souverän umzugehen.
Souverän heißt nicht: der Maschine glauben. Souverän heißt auch nicht: Verantwortung abgeben. Souverän heißt: nutzen, prüfen, ändern, verantworten.
KI kann Texte ordnen, kürzen, übersetzen, schärfen. Sie kann Gegenargumente liefern und blinde Flecken zeigen. Sie kann helfen, schneller zu einem besseren Ergebnis zu kommen. Nicht, weil sie für uns denkt. Sondern weil sie unser Denken herausfordert.
Ja, KI kann täuschen. Sie kann erfinden, glätten, Mittelmaß vermehren. Gerade deshalb hilft es nicht, sie moralisch zu ächten. Ein Werkzeug versteht man nicht, indem man es aus der Ferne verdächtigt. Man versteht es, indem man damit arbeitet.
Deutschland neigt leider wieder zum Grundsatzverdacht. Während andere ausprobieren und lernen, führen wir eine Debatte über Authentizität. Als sei ein Text nur wertvoll, wenn er sichtbar handgemacht ist. Als sei ein Gedanke weniger ernst, wenn ein digitales Werkzeug ihn geschärft hat.
Das ist die alte Sehnsucht nach dem Holzspielzeug. Nach der handgemachten Musik. Nach dem reinen Ausdruck. Sympathisch vielleicht. Aber kein Leitbild für eine digitale Gesellschaft.
Ein starkes Wort bleibt stark, wenn es trifft. Entscheidend ist nicht, ob KI beteiligt war. Entscheidend ist, ob am Ende ein Mensch verstanden, geprüft, entschieden und verantwortet hat.
Wer KI nutzt, darf sich nicht hinter ihr verstecken. Aber wer KI nicht nutzt, ist deshalb nicht tiefer, echter oder redlicher.
Die Gefahr liegt nicht darin, dass Politik und Journalismus KI einsetzen. Die Gefahr liegt darin, dass sie es schlecht tun. Oder dass wir aus Angst vor schlechter Nutzung gleich die Nutzung selbst verdächtigen.
Das wäre fatal.
Deutschland ist nicht zu schnell. Nicht zu experimentierfreudig. Nicht zu digital. Eher im Gegenteil: Wir erklären, regulieren und problematisieren neue Technik oft sehr lange, bevor wir sie beherrschen.
KI wird Arbeit, Bildung, Verwaltung, Medien, Politik und Wirtschaft verändern. In dieser Lage brauchen wir keine Maschinenstürmerei im Gewand literarischer Sensibilität. Wir brauchen Urteilskraft, Praxis und Mut.
Nicht KI ist der Makel.
Der Makel wäre, wenn ein digital zurückliegendes Land seine wichtigsten neuen Werkzeuge diskreditiert, statt endlich zu lernen, sie klug einzusetzen.
Mit KI erarbeitet. Von mir verantwortet.